"Nach Moldawien?" "Ja, nach Moldawien!"
Ich möchte hier nicht über technische Details und die Anzahl der Nieten erzählen. Die Bilder sprechen in Sachen Eisenbahn sicherlich für sich. Vielmehr möchte ich vom "Drumherum" berichten. Von den Menschen und ihren Problemen und Widrigkeiten ihres Lebens entlang der Eisenbahn. Auch erhebt der Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit des Lebens in Moldawien. Eine Momentaufnahme von wenigen Tagen im Oktober 2004.
"Ich suche zur Vorbereitung einer Fahrt nach Moldawien Kartenmaterial und einen Reiseführer!" Mit diesem Anliegen versetzte ich die Verkäuferin eines der größten Buchgeschäfte im südlichen Brandenburg in arges Staunen. Auf meinen Hinweis, daß das Land auch Republik Moldova heißt, traten doch siegeszuversichtliche Züge in ihr Gesicht! "Moldova", das hatte sie wohl als einziges meiner Worte verstanden. "Natürlich haben wir etwas über die Moldau!" trällerte sie mir entgegen. Dieses mal muß ich wohl recht verwirrt dreingeschaut haben. "Nein! Nein, junge Frau! Ich meine nicht die Moldau, sondern das Land Moldova - Moldawien!" Jetzt sah sie mich wieder an, als wolle sie an der Welt verzweifeln. Zaghaft fragte sie mich: "wo soll denn dieses Land liegen?" "Stellen sie sich vor, meine Dame, es liegt in Europa! Fast noch in Mitteleuropa!" schulmeisterte ich sie. "In Europa???" fragte sie mit zögernder Stimme. Großes Staunen sprang mir aus ihren Augen entgegen! Ohne auch nur etwas bekommen zu haben, war ich doch völlig bedient. "Natürlich nicht in ihrem Europa, welches aus Mallorca, "GZ SZ" und "Fan haben" besteht!" warf ich ihr entgegen und verließ diese Einrichtung nicht ohne an ihr, dem Laden und dem Allgemeinwissen in Deutschland zu zweifeln.
Aber wie nun weiter? Soll das reichen, was man bisher wusste? Moldawien, das Land ohne Mütter. Viele arbeiten Frauen in West- und Südeuropa in zweifelhaften Lokalen und Bars. So manch eine pflegt alte Menschen in den reichen Industrieländern Europas. Illegal? Natürlich! Aber ohne sie und ihre "Kolleginnen" aus den Staaten der ehemaligen SU würde es auch in Deutschland in Sachen Altenpflege noch schlechter aussehen.
Armut ohne Hoffnung auf Besserung. Bürgerkrieg, weil ein kleiner Teil des Landes Selbstständigkeit anstrebt. Alles Fakten, die man wusste. Positives gab es nur wenig, was sich ins Bewußtsein drängte. Ja, natürlich, da sind die sehr, sehr guten Weine! Mit die besten der Welt! Und was noch?
Aber wir wollten hinfahren! Freiwillig sogar! Gibt es dort für Eisenbahnfreunde doch noch interessante Fahrzeuge und Strecken zu erleben und zu fotografieren. Als Teil der ehemaligen Sowjetunion war und ist die Bahn von sowjetischen Lokomotivtypen geprägt. Lokomotiven, die es seit ein paar Jahren in der schon oft bereisten Ukraine nicht mehr gibt oder nie gegeben hat. Also machen wir einen Plan! Etwa 1200km Streckenlänge und 4 Lok-Depots mit 3 Einsatzstellen galt es zu besuchen. Mit einem ukrainischen Hotelzug wollten wir ein paar Tage in Moldawien bleiben und alles besuchen und fotografieren. Fein geplant ist halb gefahren! Jedes Detail wird mehrmals geprüft und ggf. geändert. Es soll letztendlich eine erfolgreiche Fahrt werden. Welche Lok von wo bis wo unseren Zug ziehen soll? Wo planen wir die Fotohalte? Auf welchem Bahnhof werden wir übernachten? Gerade das ist ein wichtiger Punkt, denn Abends möchten wir etwas von Land und Leuten kennen lernen. Eisenbahn allein? Nein! Vieles kann man nur verstehen, wenn man die Menschen versteht! Den Zeitpunkt haben wir auf die zweite und dritte Oktoberwoche gelegt. Warmes Sonnenlicht und buntes Laub - eben "goldener Herbst"!
Alles ist mit unserem Partner in Kiew mehrmals abgesprochen und fixiert! Super!!! Noch 4 Wochen bis zur Fahrt! Langsam wird man positiv nervös! Oft war man schon in der Ukraine, in Russland oder Weißrussland! Ob privat oder als Reisegruppe - egal! Aber immer wieder kommt dieses Reisefieber!
Noch 3 Wochen! Die Zeit vergeht viel zu langsam! Wenn wir doch schon im Zug wären!
Dann ein Fax aus Kiew vom Reiseveranstalter!
"Moldawien kurz vor Bürgerkrieg - Besuche der Region Transnistrien nicht ratsam -Eisenbahnverkehr von Moldawien nach der Ukraine über Transnistrien eingestellt."
Noch 2 Wochen und 4 Tage! Wenn doch die Zeit nicht so rasen würde! Wir müssen neu planen. Der Bereich Transnistrien wird gestrichen. Das bedeutet den Verzicht auf das Groß-Depot in Bender und dem Museum. Egal! Der Rest wird auch interessant.
Nun sollte man wissen, dass der Bereich östlich des Dnjestr schon seit dem Ende der achtziger Jahre um Unabhängigkeit kämpft. Diese Bestrebungen führten Anfang der neunziger Jahre zum Bürgerkrieg mit vielen Toten und Verletzten. Jetzt haben die Separatisten eine eigene Eisenbahn geplant. 30km im Bereich Benderi und Tiraspol und 40 km im Norden des Landes! Wenn es nicht so traurig wäre - man könnte drüber lachen. Aber hier geht es um die Existenz von Menschen!
Dennoch, wir wollen nach Moldawien! Aus Gründen der persönlichen Sicherheit verzichten wir auf Transnistrien.
Die Zeit vergeht und unser Sonderzug nähert sich, nach ersten erfolgreichen Fototagen in der Ukraine, der moldawischen Grenze. Noch ein Blick auf das Visum im Reisepaß für die Republik Moldowa. Handgeschrieben ist es und schön bunt. Touristen müssen wohl sehr selten sein, sonst hätte die moldawische Botschaft in Berlin schon einen Stempel anfertigen lassen.
Grenzkontrolle durch die ukrainischen Behörden. Eine Armada äußerst wichtiger Persönlichkeiten durchschreitet den Zug! "Du kannst russisch! Geh und rede mit den Milizen. Wir verstehen nicht was sie wollen!" Na ja, ich liebe Grenzkontrollen mehr als ich sagen kann. Sie haben immer so etwas schönes, herabwürdigendes an sich. Mit genau diesem Gefühl gehe ich zum Passkontrolleur. Der Stimmung entsprechend geht es einsilbig und monoton zu. "Nach Moldawien?" Mehr staunend als fragend sieht mich der ukrainische Grenzer unter seiner übergroßen Tellermütze an. "Ja" sage ich missmutiger als ich eigentlich wollte. Er sieht mich mit überlegenem Lächeln an und fügt noch recht zynisch zu: "Ah, Moldawien! Touristen!" "Mein Gott" denke ich! Wenn die Ukrainer schon mitleidig lächeln, was mag uns doch nur erwarten!
Lokwechsel und Weiterfahrt über den Grenzfluß zum moldawischen Grenzprozedere. Milizen und Passkontrolleure betreten den Zug. Alle Pässe werden eingesammelt und in einem leeren Abteil geprüft. Nach wenigen Minuten verlangt man meine Person. Im guten russisch möchten die Herren wissen, ob ich der Chef der Gruppe bin. Mein Gott! Was ist denn nun passiert? Leicht nervös trete ich näher. "Nehmen sie bitte Platz!" Mit diesen Worten bietet mir der ranghöchste Uniformträger den Platz an seiner Seite an. Es könnte sicher längern dauern. Schei...! In Okniza wollen wir die Lokeinsatzstelle besuchen und fotografieren. Und im Oktober wird es eben nicht erst um 20.00 Uhr dunkel. Na ja, kann ich jetzt auch nicht mehr ändern.
"Wissen Sie" spricht mich mein Nachbar an "ich kenne ihre Leute nicht und weiß nicht welcher Paß zu wem gehört! Können sie die Pässe bitte selbst verteilen? Vielen Dank und viel Spaß in unserem Land!" Die Grenzer hatten den Zug längst verlassen, als ich so recht wahrgenommen hatte, was mir da gerade wiederfahren war! Was war das denn? Von der Ukraine, als meiner zweiten Heimat, bin ich ja mache Kuriositäten gewöhnt. Aber das eben erlebte ließ mich doch staunen und machte Lust auf mehr! Zumindest bekam die Wand aus Vorurteilen gegenüber der Republik Moldawien erste Risse.
Da sind wir nun! Herrliche Landschaften wechselten mit armseligen Dörfern. Vom Wetter und Alter windschiefe Häuser drücken sich an die Hügel des Flusstales, welches wir durchfahren. Als Zuglok dient uns eine 3TE10M, welche jedoch ohne Mittelteil unterwegs ist. Langsam erklimmen wir das Tal um nach wenigen Kilometern Okniza zu erreichen. Bei der Einfahrt in den Bahnhof sind alle Fenster besetzt um zu sehen, ob es Lokomotiven gibt und wenn ja, welche. Da! Eine der wenigen in Moldawien beheimateten M62 steht im Nachbargleis! Der Zug ist noch nicht richtig zum Halten gekommen, da stürzen schon die ersten Fotografen raus. "Aus dem Bild!" "Geh doch mal zur Seite! Du stehst im Weg!" Fotofans! Lokliebhaber! Ob Ingenieur, Lokführer, Fahrdienstleiter, Unternehmer oder Rentner - alles gestandene Mannsbilder! Beim Hobby entpuppen sie sich fast alle als Kleinkinder! "Ätsch, ich habe die Lok zuerst gesehen!" jubelt der eine. "Dafür habe ich sie als erster fotografiert!" frohlockt der andere. Was mögen die vielen Einheimischen auf dem Bahnsteig wohl von uns gedacht haben? Es ist wohl schon ein wenig Jagdfieber dabei, wenn man auf Fototour geht. Jede neue Aufnahme, jede neue Loknummer ist wie ein Stück erlegtes Wild. "Wieder eine mehr in der Sammlung!" mag wohl so mancher denken. Andere sind froh über den fotografischen Beweis, dass es diese Lok eben doch noch gibt. Mögen die Gründe noch so verschieden sein, es macht Spaß, wenn man mit den Jungs unterwegs ist. So manch raues Wort, im Eifer des Gefechts ausgesprochen, ist am Abend beim geselligen Zusammensein im Barwagen längst vergessen.
Derweil wartet die Delegation von der Einsatzstelle Okniza geduldig auf uns. Schnell noch die Denkmallokomotive abgelichtet, bevor wir die Gleise in Richtung Lok-Einsatzstelle überschreiten. Die ersten Loks sind in Sicht. Da ist es wieder - dieses Jagdfieber! Eine schrottreife Dampflok der "ER" wird genauso abgelichtet wie die beiden Rangierloks der Reihe "TGK2". Auch sie haben ihre Motoren schon vor langer Zeit für immer abgestellt. Der dem Verfall preisgegebene Rundlokschuppen bildet die passende Kulisse. Insgesamt Zeitzeugen einer vergangenen Epoche. Auch in unseren Regionen nichts ungewöhnliches. Aufgeregt kommt unsere Dolmetscherin auf mich zu. "Das dürft ihr nicht fotografieren! Die Leitung vom Depot möchte nicht, das ihr die Ruinen aufnehmt!" "Katja" so heißt sie "da stehen zwei kleine Dieselloks davor, welche uns aber interessieren!" Verzweifelt schauen mich zwei große blaue Augen an. "Nein, unmöglich!" Mehr bittend als fordernd steht sie neben mir und fügt noch ein wenig kleinlaut hinzu: "Sie schämen sich für die Ruinen."

Am 11.10.04 warten in der Einsatzstelle Okniza die bestens gepflegten M62 1060 und der A-Teil der 2TE10L 792 auf die nächsten Einsätze. Die "1060" sollte während der Reise durch Moldawien noch eine wichtige Rolle spielen!
Schnell zeigt man uns die sozialen Einrichtungen für die Lokführer und das stationäre Personal. Die Lokleitung, die Aufenthaltsräume und die Übernachtung. Alles hinterlässt einen sehr gepflegten und modernen Eindruck. Wie sehen da im Vergleich so manche Meldestellen für Lokpersonale in Deutschland aus? Man versäumt es auch nicht die Tore vom neuen Lokschuppen für uns zu öffnen. Geduldig klärt man uns minutenlang über den Bau und die Bestimmung dieses Neubaus auf. Fast kommt es uns vor wie ein Alibi für die Ruinen im nicht mehr genutzten Teil der Lok-Einsatzstelle. Ich entschuldige mich noch einmal beim Chef und erkläre ihm, dass es für uns aber schon wichtig ist auch die alten Anlagen der Dampflokzeit zu fotografieren. Unsere ehrlichen Worte über den Verfall von Bahnanlagen in Deutschland hält er dann aber doch für eine Notlüge. "Verfall in Deutschland? Niemals!" So könnte man seine Blicke deuten.
Wir verabschieden uns und versprechen wiederzukommen. Auf der Zugfahrt von Okniza nach Brätuseni bleibt viel Zeit über die ersten Eindrücke nachzudenken und zu diskutieren. In Rediul Mare warten wir die Kreuzung mit einer Diesellok ab. Bleibt also Zeit unseren Zug und das nähere Bahngelände zu fotografieren. Ein Bäuerlein tritt aus seinem Garten heraus und kommt auf uns zu. In beiden Händen trägt er große, rote Äpfel. So viel, dass er sie kaum tragen kann. "Ich schenke sie euch, meine lieben Gäste aus Deutschland!" sagte er mit einem lächelnden Gesicht. Uns mehrmals bedankend winkten wir ihm noch lange nach. Bei einer Höchstgeschwin-digkeit von 15km/h bleibt viel Zeit das Geschenk zu genießen. Und wieder gibt es neue Risse in der Mauer der Vorurteile!
Der nächste Tag beginnt mit dem Depot-Besuch in Bälti-Slobozia. Ein Tag, der in mehrfacher Hinsicht in Erinnerung bleiben wird! Aber der Reihe nach!
Vorstellung beim Depotchef. Sehr freundlich gibt er Antwort auf alle Fragen. Auch Probleme spricht er offen aus. So sagt er zur Situation in Transnistrien: "Wir haben alle Loks aus Bender abgezogen und auf andere Depots verteilt. Auch das Personal wurde kurzfristig umgesetzt. Es gibt zur Zeit keinen Eisenbahnbetrieb von Bender über Tiraspol nach Odessa und von Basarabeasca nach Artzys (Ukraine). "Können wir uns im Depot frei bewegen und alles fotografieren?" möchte ich wissen und füge noch hinzu, dass die meisten Reiseteilnehmer selber Eisenbahner sind. Viele davon Lokführer. "Natürlich!" sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. "Wir sind doch Kollegen!" Worte, die einem erst Tage danach bewußt werden.
Da stehen sie nun - die "fahrenden Erdbeben!" Die von uns Diesellokfreunden so heiß begehrten 2TE10M und als Krönung: 3TE10M!

In der Morgensonne des 12.10.04 wärmt sich 3TE10M 0034 im Depot Bälti-Slobozia. Schöner kann man 9000PS nicht bauen!
Mit ihren schalldämpferlosen Gegenkolbenmotoren versetzen sie ihr Umfeld in ein Zittern und Beben, welches man mit Worten nicht wiedergeben kann. Man muß es erleben! Basstöne, die so tief sind, dass normale Tontechnik nicht ausreicht sie wiederzugeben! Der Vorgängertyp, die 2TE10L, wird uns dann von Bälti-Slobozia nach Soldanest und zurück führen. Vorfreude macht sich breit!
"Hier in Bälti-Slobozia soll es eine Schmalspurdampflok als Denkmal geben?" frage ich unseren Depotchef. "Die Lok ist die GR 255 und steht unmittelbar gegenüber vom Bahnhofgebäude im Park." erklärt er uns und fügt noch etwas zur Geschichte der Lok hinzu. "Eigentlich sollte hier in der Stadt eine Kindereisenbahn entstehen. Aber es kam nicht mehr dazu. Da die Lok aber schon da war, haben wir sie als Denkmal aufgestellt. Zum Verschrotten ist sie zu schade."
Leider drängt die Zeit und wir müssen uns verabschieden. Diesmal mit der Gewissheit, dass wir uns wiedersehen. Schnell zur Dampflok und ein paar Fotos gemacht. Im recht gepflegten Zustand präsentiert sie sich in einem kleinen Park. Diese Lok stammt aus einer Reparationslieferung aus Babelsberg. GR steht für "Germanski Reparation".
Nun aber schnell zum Sonderzug! Dort wartet schon unsere 2TE10L. Ein Loktyp, den es in der Ukraine schon seit etlichen Jahren nicht mehr gibt. Herrlicher Sonnenschein und interessante Landschaft werden zusammen mit der Lok für schöne Motive sorgen! Doch was ist das? Nicht die bestellte 2TE10L sondern, wieder die M62 1060 steht am Zug. Kurzes Telefonat mit dem Lokleiter und schon ist die Sache geklärt. "Na ja" dachte sich jener Mensch, "ein Zug mit 5 Wagen benötigt doch keine 6000PS starke 2TE10L. Das ist doch unökonomisch." Was nun? Lokwechsel dauert mindestens eine oder gar zwei Stunden. Alle Motive weg! Schweren Herzens entscheide ich mich für die Wumme. Unseren Trommel-Fans ist das nur recht! Des einen Freud ist des anderen Leid. "Euch zuliebe lassen wir die Lok dran." Mit diesen Worten verkaufe ich den Fanatikern der M62 dieses Missgeschick des Lokleiters nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es dafür heute Abend ein (oder mehrere) Freibier gibt.
Herrliche Fotohalte entschädigen uns für die "falsche" Lok! Der Zug drückt zurück um dann sehr geräuschvoll foto- und videogerecht an den Fotografen vorbei-zuwummern. Ja, auch eine M62 ohne Schalldämpfer hat so ihre Reize!

Durch die hüglige Landschaft im Norden Moldawiens führt die Strecke von Bälti-Slobozia über Soldanesti nach Slubodka (Ukraine). Auf der Rückfahrt nach Bälti-Slobozia konnten wir einen Fotohalt bei Chindenesti einlegen. 12.10.04 mit 2TE10L 2394.
Fotohalt! Ein Reizwort! Der eine möchte mehr Umfeld, ein anderer ist mit der Situation sehr zufrieden jedoch bittet er um eine weiße Abgasfahne. Die Videografen bitten um Ruhe. "Könnt ihr Euch nicht so aufstellen, dass wir die Auslösegeräusche der Fotoapparate nicht mit aufs Band bekommen?" möchte, stellvertretend für alle, ein Kameramann wissen. "Ja, aber dann ist unser Motiv versaut!" rechtfertigt sich die Gruppe der Fotografen. Leicht genervt bemerken einige Fans: "Wenn wir noch lange warten, ist die Zeit rum!" "Wenn es klappt, machen wir noch paar zusätzliche Fotohalte!" versuchen wir zu schlichten. Irgendwie bekommen wir es immer auf die Reihe. Nur einer nörgelt bei jedem Motiv! Und das schon seit Jahren! Trotzdem zählt er inzwischen zu den Stammgästen. So haben wir gelernt, dass permanentes Nörgeln auch eine Art von Lob sein kann.
Aber wie arrangieren wir nun besagte Fotohalte? Da wir uns die Arbeit als Reiseleiter teilen, fährt einer immer auf der Lok mit. Zusammen mit unserem Fahrmeister aus Kolomeja (Ukraine) werden die Motive ausgesucht. Das Lokpersonal informiert sich über Zugfunk, wann und wo es möglich ist Zugkreuzungen oder -überholungen zu fotografieren. Diese Infos leitet es an uns weiter und so sprechen wir die Orte ab, wo wir aussteigen. Bereitwillig bremst der Maschinist den Zug ab. "Wir fotografieren die Einfahrt unseres Zuges und warten dann auf den Gegenzug!" Sein Lächeln gibt uns zu verstehen, dass er weiß, welche Wünsche wir haben. Alles im Kasten! Prima!
Während der Weiterfahrt erfahren wir noch die Zugnummer des Planzuges. Diese wird dann per Sprechfunk in den Zug übermittelt. Und wer will notiert sich die Sache, während auf der Lok bereits die nächsten Fotohalte abgesprochen werden. Alle Wünsche können aber, trotz besten Willens, nicht erfüllt werden. Dennoch hat sich auch diese Fahrt wieder gelohnt! Eine Feststellung, die wir aber erst am Ende der Reise treffen werden (oder wollen).

Im Schein der Spätnachmittagssonne präsentiert sich unser Sonderzug vor der Kulisse der Ortschaft Curacaminca. (12.10.04)
Im Barwagen spreche ich mit unserem Zugchef eine kleine Überraschung ab. Kurze Telefonate sorgen dafür, dass wir am Wendebahnhof einen Loktausch machen werden. Aber das wissen nur er und ich! Zur Mittagszeit erreichen wir Soldanesti. Eine kleine Einsatzstelle, etwas abseits vom Bahnhof, beherbergt unsere neue Lok. Bereitwillig steigt das Personal von der einen Maschine auf die andere. Alles dauert seine Zeit. Aus diesem Grund sind wohl auch die meisten Fotografen im Zug geblieben und lassen sich das Mittagessen munden. Essen? Bei dieser Lok? Wie kann man da an Essen denken?! Von der kleinen Bahnhofsbrücke hat man einen guten Überblick. So warten ein paar Unentwegte auf die Lok und werden zusätzlich mit einem weiteren "Schmankerl" belohnt. Beim letzten Fotohalt hatten wir vergeblich auf die Überholung vom planmäßigen Triebwagen gewartet. Dieser kam jetzt mit erheblicher Verspätung. Da er wohl einen Motorschaden hat, wurde ihm eine Tschme3 - Diesellok vorgespannt. Ein nicht alltägliches Motiv!
Durch den zusätzlichen Lokwechsel haben wir nun soviel Zeit eingebüßt, dass die Rückfahrt nach Bälti-Slobozia ohne Fotohalt stattfinden wird. Schließlich steht noch die Strichstrecke nach Glodeni auf dem Programm! Schade eigentlich! Oder verzichten wir auf eine Nebenbahn, die mit 25km/h Höchstgeschwindigkeit sicherlich genauso zugewachsen sein wird, wie die nach Brätuseni? Absprachen werden getroffen, Telefonate geführt. Dann steht es fest! Wir fahren nicht nach Glodeni und machen dafür auf der Rückfahrt nach Bälti-Slobozia bis zum Sonnenuntergang viele Fotohalte! Was ist das doch für ein feines Arbeiten! Unser Lokpersonal erfüllt alle nur denkbaren Wünsche! Nichts ist zu viel! Noch bei den letzten Fotohalten im goldenen Licht der untergehenden Sonne organisiere ich für das Personal ein opulentes Abendessen in unserem Speisewagen. Slava, so heißt der Maschinist, und Sascha, sein "Pomoschnik" (Helfer / Beimann) nehmen Platz und bedanken sich für die Einladung. Wir trinken auf die moldawischen Eisenbahner und die deutschen Gäste. Das dritte Glas wird nach ukrainischer Sitte auf die Frauen geleert!
Längst sind wir beim Schwatzen über Gott und die Welt. Slava, unser Lokführer stammt eigentlich aus Litauen und was seinen Helfer Sascha angeht, so ist er nicht nur sein Beimann, sondern auch sein Schwiegersohn. Auch das ist ein Grund ein weiteres Glas zu leeren.
Slava lädt uns ein mit ihm und seinem Schwiegersohn in ein nahegelegenes Restaurant zu gehen. Er möchte sich für diesen schönen Abend bedanken. So ziehen wir also los! Die Reiseleiter, bestehend aus Albrecht Fabian und mir, und unser Lokpersonal. Obwohl wir schon keine Dolmetscherin mehr benötigen um uns zu verständigen, möchte ich nicht ohne sie gehen. Nach wenigen 100 Metern erreichen wir ein recht ansprechendes Lokal. Musik dringt an unser Ohr und so betreten wir das Lokal. "Was wir trinken möchten?" will Slava wissen. "Moldawisches Bier und für die weibliche Begleitung einen Kaffee!" antworte ich ihm. Hinzu kommen belegte Brote und Knabberzeug. Stundenlang reden wir über Eisenbahn, Autos und, natürlich, schöne Frauen. Wir lachen, diskutieren und trinken ein Bier. Immer mehr verwischen die Grenzen zwischen unseren Heimatländern. Slava, der Litauer, Sascha als gebbürtiger Moldawier, Albrecht und ich als deutsche und unsere Dolmetscherin aus der Ukraine. So einfach kann Völkerverständigung sein! "Eigentlich stamme sie aus Tadschikistan" erzählt Katja, "aber als russisch-stämmige Einwohner mussten meine Eltern Duschanbe verlassen. Tadschikistan befand sich im Bürgerkrieg und so ging meine Familie in die Ukraine. Das liege nun schon 13 Jahre zurück. Damals war ich 10." So kommt man, mehr zufällig, mit den unmittelbaren Schicksal unserer Mitmenschen in Berührung.
Plötzlich steht Slava auf und geht. Auf unsere Frage nach dem wohin, winkt er nur freundlich ab und geht. Kurze Zeit später kommt er zurück und überreicht uns 2 Flaschen guten moldawischen Rotwein und original moldawisches Bier. "Ein Geschenk von Freunden für Freunde!" Ein warmes Lächeln überzieht sein Gesicht. Wofür sind Vorurteile gut? Diese Frage bohrt sich in mein Bewusstsein.
"Leider muß ich morgen den Moskauer Schnellzug von Bälti-Slobozia nach Chisinäu fahren. Sonst würde ich gern euren Sonderzug übernehmen!" Mit diesen Worten verabschieden wir uns tausendmal voneinander.
Ist es der Wodka? Ist es das Bier? Ist es die Sprache unter Kollegen? Oder die warme, offene Art unter einfachen Menschen? Vielleicht von allem etwas! Manchmal jedenfalls werden auch Männeraugen feucht, wenn es heißt Abschied zu nehmen. Warum können Politiker nicht menschlich denken und handeln? Es ist so einfach!
Während die meisten Touristen längst schlafen, sitzen wir im Zug noch lange zusammen und reden über das erlebte und sprechen die Programmpunkte für den nächsten Tag ab. Dieser wird uns von Bälti-Slobozia nach Chisinäu bringen.
Inzwischen fühlen wir uns in Moldawien heimisch. Was besonders auffällig ist, sind die äußerst gepflegten Lokomotiven und Triebwagen. Eisenbahner, die stolz auf ihren Beruf und ihre Bahn sind! Dieser Eindruck sollte sich auch in den nächsten Tagen weiter bestätigen. Für neue Fahrzeuge ist eh kein Geld vorhanden.
In Ungheni haben wir einen Besuch der Lok-Einsatzstelle geplant. Die weitläufigen Bahnanlagen lassen erahnen, wie umfangreich zur sozialistischen Zeit hier der Eisenbahnbetrieb gewesen sein muß. Neben breitspurigen Lokomotiven werden hier auch noch regelspurige Triebfahrzeuge vorgehalten. Wohl ein Indiz dafür, dass es auch heute noch grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehr gibt.
Weiter führt uns die Fahrt durch landwirtschaftlich geprägte Orte nach Chisinäu, der Hauptstadt Moldawiens. Klotzen, nicht kleckern mag wohl die Devise beim Umbau des Personenbahnhofs gewesen sein. Recht pompös steht er im krassen Gegensatz zu den anderen Bahnhöfen des Landes. Bevor wir individuell die Stadt besichtigen werden, haben wir noch einen Depot-Besuch geplant. Von der Aufarbeitung einzelner Baugruppen bis hin zum Umbau von Triebwagenzügen der Reihe D1 zu Solo-Triebwagen - alles zeigt man uns. Nicht ohne Stolz, wie die Gesichter unserer Delegation verraten. Als besonderen Höhepunkt öffnet man für uns eine etwas abseits stehende Halle. Hier dürfen wir den Präsidenten-Triebwagen besichtigen. Ja sogar im Wagen Platz nehmen! Ein D1-Triebkopf wurde in den eigenen Werkstätten mit allen erdenklichen Einrichtungen versehen, um einen mehrtägigen Aufenthalt so angenehm wie möglich werden zu lassen.
Das wohl bestgepflegteste Fahrzeug in ganz Moldawien ist mit Sicherheit der Präsidenten-Triebwagen D1 771-1! Nicht jede Eisenbahnverwaltung präsentierte uns diese Sonderfahrzeuge mit solchem Stolz wie die Eisenbahner im Depot Chisinäu. (13.10.04)
|
Der Versuch die Stadt am Abend zu besuchen holt uns dann jedoch wieder in die momentan angespannte Lage in Moldawien zurück. Den Bahnhof kann man nur betreten oder verlassen, wenn man im Besitz einer gültigen Fahrkarte ist und sich zusätzlich mit einem Personal-Dokument ausweisen kann.
Die Stadt selbst erweist sich als wenig einladend. Eine ältere Frau befragend, wie man denn zur historischen Altstadt käme, versetzte selbiges Muttchen ins Staunen. Kopfschüttelnd erklärte sie, dass es hier keine Altstadt gibt. "Alles ist alt!" fügte sie dann noch leise an. Da wir am nächsten Morgen bereits um 2,00 Uhr aufstehen müssen, bleiben wir in Bahnhofsnähe. Ein gepflegtes Bier lassen wir uns aber dennoch in einem der vielen Restaurants schmecken.
Auf dem Weg zurück zum Zug machen wir noch eine schöne Nachtaufnahme von der am Bahnsteig aufgestellten Dampflok. Über ihr prangt ein Plakat. Von diesem strahlen uns eine Eisenbahnerin und ein Eisenbahner an. Vervollständigt wird es noch vom Bildnis der M62 1060. Ein Lächeln tritt mir unwillkürlich auf die Lippen. Schon wieder die "1060"! Vielleicht gibt es nur die eine M62 in Moldawien? Alle zusammen wünschen uns "Drum bun!", was man in etwa mit "Gute Reise!" über-setzen kann.
Um 2,00 Uhr aufstehen! Im Urlaub! Nein, Eisenbahnfreunde sind manchmal wirklich recht seltsam! Ein kurzes Frühstück will nicht recht munden. Egal, wir müssen zum Bus. Vorbei am Plakat, mit seinem "Drum bun!" begeben wir uns zum Bus. "Drum bun!" um halb drei Uhr in der Frühe! Das Gesicht zum Plakat gerichtet jucken mir die Mittelfinger. Aber selbst dafür bin ich zu müde. Der Bus wird uns in ca. 2 ½-Stunden nach Basarabeasca bringen. Eigentlich wollten wir ja mit unserem Sonderzug fahren. Aber das hätte bedeutet über Benderi, also Transnistrien, zu fahren. Dies wiederum war aus Sicherheitsgründen nicht möglich.
Übermüdet nehmen wir im Bus platz. Jeder sucht sich ein Plätzchen, wo er die nächsten Stunden ein wenig Schlaf nachholen kann. Aus süßen Träumen werde ich kurz vor verlassen der Stadtgrenze von Chisinäu gerissen. Straßensperren lassen auch hier unschwer erkennen, dass niemand die Stadt unkontrolliert betreten oder verlassen kann.
Nach sehr angenehmer Busfahrt erreichen wir bei völliger Dunkelheit den Bahnhof von Basarabeasca. Morgennebel und trübe Bahnhofsfunzeln umgeben uns.
Hier, genau hier wurden "Die Toten Augen von London" gedreht.
Am Bahnsteig steht ein Personenzug, bestehend aus einem ehemaligen Generator-wagen und zwei Liegewagen der offenen Bauart. Diese Liegewagen besitzen keine separaten Abteile. Es ist der Planzug, welcher einmal am Tag Basarabeasca mit Cahul verbindet. Reichlich sechs Stunden Zugfahrt stehen uns bevor. Zeit, um eine normale Eisenbahnfahrt zu erleben. Viele Leute steigen ein und suchen sich ein Plätzchen. Einige bleiben verwundert stehen, als sie so viele Deutsche in ihrem Zug sehen. Einer von ihnen erweist sich als Eisenbahnfreund und gesellt sich zu uns. Als besonderes "Mitbringsel" präsentiert er einen 5-Liter Kanister mit dunkelroter Flüssig-keit. Wie sich bald herausstellen sollte - herrlicher Rotwein! Schnell wird der kleine Tisch zur Tafel! Es gibt alles! Speck, Obst, Gemüse, Tee, Kaffee, Brot und natürlich Wein! Nur vom frischen Knoblauch muß ich aus Rücksicht auf mitreisende Personen verzichten!
Langsam dämmert der Morgen. Erste Blicke aus dem Fenster lässt Beklemmung aufkommen! Armut in des Wortes traurigem Sinn, springt einem an. Der Versuch, unseren reich gedeckten Tisch und unser Tun im allgemeinen damit zu rechtfertigen, dass wir ja schließlich für alles bezahlt haben, hilft nicht wirklich! Auch der Wein bekommt einen bitteren Nachgeschmack.
Einige planmäßige Verkehrshalte können wir zum fotografieren nutzen. Die Bahn-höfe Prut I und Prut II sind nur noch verödete Schatten einstiger Verkehrsknoten. Lange Reihen abgestellter Kühlwagenzüge warten vergeblich auf bessere Zeiten. Der Zustand der Wagen und der Schienen, auf den sie stehen, lassen erkennen, dass sie schon sehr lange warten. Langsam fahren wir an diesen Kühlwagen vorbei. Da kommen Erinnerungen hoch. Bis kurz nach der Wende haben wir diese Züge vom Waggonbau Dessau nach Frankfurt/Oder gefahren. Dienstags und Donnerstags waren es die neuen Kühlzüge. Montag, Mittwoch und Freitag neue Reisezugwagen aus Ammendorf. Nun stehen einige von ihnen hier. Hier in Prut und warten auf ....!
Entlang des Flusses Prut führt uns die Fahrt nach Cahul. Der Tag möchte nicht recht hell werden. Trübe, wie das Land um uns, verhüllen Wolken die Sonne.

Am 14.10.04 im "Wildbad Cahul"! Der einzigste planmäßige Reisezug, der Cahul mit Basarabeasca verbindet. Da alle Wagen eine eigene Ofenheizung besitzen ist es egal, welche Lok den Zug befördert. An diesem Tag war es die Tschme3 3866.
Vier Stunden Aufenthalt in Cahul machen Hoffnung auf ein wenig Mittagsschlaf. Das Bahnhofsumfeld lädt nicht zu verlassen des Zug ein.
Es war schon immer mein Traum in Cahul im Liegewagen ein wohlverdientes Schläfchen zu halten! Aber da gibt es die Schaffnerin! Während es draußen nur Temperaturen um die +2°C hat reinigt sie im ärmellosen Kittel den Wagen. Ich beobachte sie so eine Weile und denke bei mir: "Mach ein Mann wäre froh, wenn er solche Schenkel hätte wie diese Frau Oberarme!" Aus diesen verwerflichen Gedanken werde ich von selbiger Person gerissen, als sie mich noch immer im Zug erblickt. Auf perfektem russisch erklärt sie mir barsch: "Das ist kein Hotel und kein Restaurant. Alle haben den Zug zu verlassen! Erst kurz vor Abfahrt des Zuges darf man einsteigen!" Unsere Dolmetscherin war auch noch bei mir. Sie lag mit hohem Fieber eng zusammengekuschelt und wollte auf die lautstarke Rede der Schaffnerin nicht reagieren. Also begab ich mich auf das dünne Eis dieser "netten" Dame ins Wort zu fallen. Obwohl ich ihr auf russisch antworten wollte, zog ich es vor in deutscher Mundart ihrem Redefluß ein Ende zusetzen. Nicht zuletzt auch deshalb, um langen Disputen keinen Nährstoff zu geben. Mit spitzen Lippen erhob ich auf feinstem Hochdeutsch die Stimme und begann: "Entschuldigen sie bitte, meine werte Dame, die junge Frau ist krank, hat hohes Fieber und kann den Zug nicht verlassen!" Dabei zeige ich auf das Mädchen in meinen Armen und fügte noch an: "Und ich verstehe ihre Sprache nicht! Leider nicht ein Wort!" Sie, die Schaffnerin, muß wohl sehr gut deutsch verstanden haben! Jedenfalls verstummte sie kurz darauf und fiel bis zur Abfahrt nicht mehr negativ auf. Da sie, gelinde gesagt, nicht zu den Schönheiten des Landes zu zählen war, erwies es sich von Vorteil, sie auch nicht weiter zu reizen. Es war kurzzeitig zu befürchten, dass sie aus dem Kittel springt!
Endlich Ruhe! Endlich Schlaf!
Oh welch Irrglaube! Mitten im schönsten Schlaf riß mich die Stimme eines Reiseteil-nehmers aus dem 7.Himmel! "Da ist unweit vom Bahnhof ein Restaurant! Da klopft der Beat!" Ich wollte ihn wegschicken. "Du bist unser Reiseleiter und kannst russisch! Komm mit!" Schei..! Also aufgerappelt und los. Meine kranke Übersetzerin wollte nicht allein bleiben und kam mit Es sollte sich noch als gut erweisen, dass sie mitkam! Unterwegs kamen uns zwei Gestalten entgegen. Und was für Gestalten! Der eine war etwa 45 Jahre und schleppte den anderen. Dieser war Anfang 20, sturzbetrunken und blutüberströmt! "Das ist Vater und Sohn!" erklärte uns Stefan. Er saß schon mit anderen Reiseteilnehmern im Lokal und hatte "Insider-Wissen". "Mein Gott!" dachte ich bei mir, "sollte es doch noch große Probleme geben?" Leicht verängstigt rückte unsere weibliche Begleitung noch näher an mich ran.
Kurze Zeit später erreichten wir die Spelunke. Diese "Lokalität" war ein Spiegelbild des näheren Umfelds! Mehrere Tische, von denen nicht einer dem anderen glich, wurden von einem Sammelsurium von Stühlen umstellt. Auf diesen Stühlen saßen diverse Leute. Beim näheren Hinsehen konnte man unschwer erkennen, dass hier eine Großfamilienfeier stattfand. Zumindest waren alle gleichmäßig betrunken!
Das Lächeln in den Gesichtern der Einheimischen und der im Lokal ausharrenden Touristen beruhigte mich wieder. An Rückkehr zum Zug war nicht zu denken. Also Bier holen! Eine Inhaberin von mächtiger Gestalt (die Schwester der Schaffnerin?) erklärte mir, dass es nur noch 2-Liter Flaschen gibt. Oder das teure Bier aus Österreich. Wir begannen mit den "Österreichern", da sie nur 0,5-Liter hatten. Empfohlen wurde uns auch noch eine "weiße Paste!" Niemand weiß was das ist, aber es schmeckt auf Weißbrot sehr gut! Soll übrigens Fischpaste sein!
Jetzt geschah das, was kommen musste! Wir wurden eingeladen! Kaffe, Bier, Wodka und eine Art von Kartoffelpuffer wurden uns gereicht. Gut das Katja dabei war und die lallenden Gestalten wenigstens halbwegs verstand! So konnten wir uns recht gut unterhalten. Mit der Zeit entwickelte sich ein geselliger Nachmittag. Einhei-mische schimpften über die Zustände im allgemeinen und über die Banditen in Transnistrien im besonderen. Jeder gab seinen "Senf" dazu. Einer möchte gern seine Eltern in Tiraspol besuchen, aber er habe Angst.
Einige erzählten, dass sie bei der moldawischen Eisenbahn arbeiten. Einer als Signaltechniker. Ein anderer im Gleisbau.
Ein weiterer Gast betrat die Lokalität. Er sah nicht anders aus als alle anderen. Nur das er sich jedes Gespräch über Politik strikt verbat, ließ aufhorchen. Schlagartig war Ruhe!
Zum Glück rückte die Abfahrzeit unseres Zuges immer näher! Wer weiß, vielleicht würden wir heute noch dort sitzen?
Die Rückfahrt von Cahul nach Comrat verlief bereits im Dunkeln. So war Zeit bei Tee oder Bier mit allen Reiseteilnehmern über die letzten Tage und Stunden zu reden. Nur einem zwischenzeitlich eingestiegenem Polizisten gefiel es überhaupt nicht, dass im Zug Bier getrunken wird. Lautstark erklärte er in einer von ihm erfundenen Sprache vom Verbot des Alkoholtrinkens im Zug. Es muß sich jedenfalls um dieses Problem gehandelt haben. Anders konnte man sein wort- und vor allem gestenrei-ches Gehabe nicht deuten. Beim Gestikulieren hatte er übergroße Mühe auf den Beinen zu bleiben! Er war selbst sturzbetrunken!
Nach 2 ½-Stunden Busfahrt von Comrat nach Chisinäu erreichten wir kurz nach Mitternacht unseren Zug. Dieser Tag hatte zwar wenig Eisenbahnmotive gebracht, aber war dennoch voll von Eindrücken. Ein Land besuchen, nur um Eisenbahn zu fotografieren? Nein! Nur wenn man auch Land und Leute kennen lernt, hat alles andere erst einen Sinn!
Am Morgen ging es dann zurück von Chisinäu über Ungheni und Bälti-Slobozia nach Okniza. Zahlreiche Fotohalte ließen auch diesen Tag noch einmal zu einem großen Erfolg werden. Von Okniza zur moldawisch-ukrainischen Grenze zog uns ein "dreiteiliges Erdbeben" - eine 3TE10M. Noch einmal ein Hochgenuß!

Am 15.10.04 mußten wir wieder Abschied von Moldawien nehmen! Die letzten Kilometer begleitete uns die "Komposition" einer 3TE10M.
Das wir diese Lok-Komposition doch noch an unserem Zug hatten, haben wir dem unermüdlichen Bemühungen unseres Fahrmeisters Witja und dem moldawischen Lokpersonal zu verdanken! Mehrere Telefonate und Zugfunkgespräche ließen das örtliche Personal in Okniza aktiv werden. Eine halbe 2TE10M (2942 B)und zwei Teile der 3TE10M 1296 wurden zur kompletten 3TE10M zusammengesetzt. Als sie unseren Zug in Okniza bespannte, war der halbe Bahnsteig von der Lok eingenommen! Welch ein Anblick! 9000PS für 5 Wagen!
Am späten Nachmittag erreichten wir die Grenze. Alles wie gehabt. Passkontrolle und Frage nach Konterbande. "Hatten sie schöne Tage?" wurde gefragt. Und noch dies und das. Und doch war da etwas anderes! Da stand im Nachbargleis eine halbe 2TE10L. Im schönsten Abendlicht bat sie: "fotografiert mich!"
Manchmal sind Kenntnisse einer Fremdsprache auch lästig. "Geh und frag die Miliz, ob wir die Lok fotografieren dürfen!" forderten mich meine Leute auf. Im Grenzbahnhof fotografieren! Man, haben die Wünsche!
"Sie werden entschuldigen" wagte ich meine Stimme zu erheben, "dort steht eine Diesellok. Können wir die fotografieren?" Auf ein striktes "Njet!" (Nein!) eingerichtet, erwartete ich die niederschmetternde Antwort. Alle drei Milizionäre sahen sich an, bevor einer die Worte sprach: "Wir haben nichts gesehen! Wir wissen von nichts!" Oh, ich fange an Grenzkontrollen zu lieben! Als Abschiedsgeschenk und als Versprechen wiederzukommen, wurde die Lok noch einmal abgelichtet.
Als besonderes Entgegenkommen der moldawischen Grenzer durfte ich dann noch die Pässe verteilen. "Sie wissen welcher Paß zu wem gehört!" Aber das kennen wir ja schon!
Im Namen aller Reiseteilnehmer möchte ich hier von ganzen Herzen vielen Dank allen moldawischen Eisenbahnern für diese schöne und erfolgreiche Fahrt sagen!
"Drum bun Moldova!" "Gute Reise Moldawien!"
|